
Christina Bossauer, B. Sc.
Referentin Bildungsmanagement, Albertinen Akademie
Org. Tagungsleitung PdT Langeoog, Albertinen Akademie

Willkommen zu den Psychodynamischen Tagen Langeoog
Die elfte Auflage der Psychodynamischen Tage auf Langeoog findet vom 17. bis 21. Mai 2027 auf der wunderschönen Nordseeinsel Langeoog statt.
Die Hauptvorträge wurden live auf Langeoog aufgezeichnet. Diese stehen Ihnen ab Mitte Juli bis 30.11.2026 on demand zur Verfügung.
Sehr geehrte, liebe Kolleginnen und Kollegen,
Auf den ersten Blick erscheint „Solidarität?!“ als gesellschaftspolitisches oder moralisches Thema. Psychodynamisch betrachtet verweist sie jedoch auf Grundsätzliches: auf die Fähigkeit des Menschen, den anderen psychisch zu repräsentieren, einen haltenden Resonanzraum zu schaffen, Ambivalenzen anzunehmen und Verbundenheit trotz Differenz, Konkurrenz und Verletzbarkeit aufrechtzuerhalten.
Sigmund Freud beschrieb in „Das Unbehagen in der Kultur“, dass menschliche Gemeinschaften auf libidinösen Bindungen beruhen, jedoch fortwährend durch Aggression, Rivalität und narzisstische Kränkungen destabilisiert werden. Er formulierte den oft zitierten Satz: „Der Nächste ist nicht nur ein möglicher Helfer und Sexualobjekt, sondern auch eine Versuchung, seine Aggression an ihm zu befriedigen.“ Solidarität ist demnach kein naturgegebener Zustand, sondern eine fragile kulturelle und psychische Anpassungsleistung - Ausdruck von Integration, Symbolisierung und der Fähigkeit, destruktive Impulse zu begrenzen.
Objektbeziehungstheoretisch verstehen wir die Entwicklung von Mitgefühl und Verantwortung als Ergebnis innerer Reifung in Beziehungen. Die relationale Psychoanalyse geht noch einen Schritt weiter. So beschreibt Jessica Benjamin „die Anerkennung des anderen als unabhängiges Zentrum von Erfahrung“ als essentiell für die Subjektwerdung im Versuch, Unabhängigkeit und Angewiesensein zu vereinen. Solidarität setzt demnach voraus, dass der andere weder vereinnahmt noch entwertet werden muss, um das eigene Selbstgefühl zu stabilisieren.
Gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklungen – Polarisierung, Vereinzelung, soziale Erschöpfung, kollektive Kränkungs- und Gewaltdynamiken – machen deutlich, wie fragil solidarische Strukturen sind. Wo Unsicherheit und Angst zunehmen, erstarken oft Spaltung, Projektion und Entmenschlichung. Psychodynamisches Denken kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, indem es unbewussten Konflikten und Affektdynamiken nachspürt, diese zu verstehen sucht und Räume für Mentalisierung und Gemeinschaftlichkeit eröffnet.
Die Psychodynamischen Tage 2027 möchten dazu einladen, Solidarität aus klinischer, theoretischer und gesellschaftlicher Perspektive zu reflektieren: Welche inneren Voraussetzungen ermöglichen solidarisches Handeln? Welche psychischen Abwehrbewegungen stehen entgegen? Welche Rolle spielen Institutionen, Gruppen und therapeutische Beziehungen? Wie können wir dazu beitragen, gesellschaftliche Bindungsfähigkeit in Zeiten wachsender Fragmentierung zu stärken?
Wir laden Sie herzlich zu einer lebendigen, inspirierenden und solidaritätsstärkenden Diskussion auf Langeoog ein, unserer Insel der Begegnung!
Ihre
Sönke Arlt und Carola Bindt
Wissenschaftliche Tagungsleitung


Referentin Bildungsmanagement, Albertinen Akademie
Org. Tagungsleitung PdT Langeoog, Albertinen Akademie